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Michael Haneke: Das weiße Band - Interview

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...das bei Ihnen immer gut ausgeht?
Michael Haneke: Ich mache es auch gerne, weil Kinder etwas Erfrischendes haben. Bei ihnen stimmt es hundertprozentig oder gar nicht. Wenn Sie ein unbegabtes Kind haben, kommt nie etwas raus. Wenn es begabt ist, bekommen Sie es in einer puren Perfektion, wie sie es bei einem Erwachsenen nur selten erreichen können. Da meine Geschichten immer im Familienverband spielen, komme ich gar nicht drum herum, mit Kindern zu arbeiten, obwohl ich jedes Mal zittere, ob ich das richtige Kind finde. Mit der Zeit entwickelt man ein gewisses Gespür. Das Casting ist jedenfalls das Um und Auf. Wenn Sie ein gutes Casting haben, ist der Film, vorausgesetzt, dass Sie einigermaßen Ihr Handwerk verstehen, fast schon gelaufen. Gutes Casting heißt aber nicht nur gute Schauspieler, sondern gute Schauspieler in den für sie richtigen Rollen. Darum mache ich meinen Produzenten oft das Leben schwer, weil ich mit jedem Schauspieler herumbastle und ausprobiere. Es rentiert sich.

Mit Das weiße Band haben Sie seit langem wieder eine rein deutschsprachige Produktion realisiert. Was bedeutet dies für Ihr Arbeiten?
Michael Haneke: Es bedeutet natürlich Entspannung. Ich kann ganz gut Französisch, bin dennoch weit davon entfernt, es perfekt zu sprechen, mein Englisch ist ziemlich schlecht. Je weniger gut man eine Sprache spricht, umso größer ist der Stress. Mein Englisch ist gut genug, damit ich kommunizieren kann, was ich will. Die Schwierigkeit liegt vielmehr darin, alles mitzubekommen, was rundherum passiert. Und da ich ein Kontrollfreak bin, habe ich ständig das Gefühl, dass mir etwas entgeht. Das entspannt nicht gerade. Bei Das weiße Band haben mir mehrere Mitarbeiter nun versichert, sie hätten mich selten so entspannt erlebt. Obwohl es so ein großes Projekt war, hatte ich immer das Gefühl, die Sache im Griff zu haben. Das hängt auch damit zusammen, dass ich diesen wunderbaren Herstellungsleiter Michael Katz habe, ohne den ich den Film nicht gemacht hätte. Der Film war organisatorisch äußerst kompliziert. Nur ein Beispiel: für die Gesichter der Bauern sind wir erst in rumänischen Dörfern fündig geworden und es sind an die 100 Statisten von dort im Bus zum Dreh angereist. Die Drehorte waren 300 km voneinander entfernt, wir konnten uns also nicht hin- und herbewegen, sondern mussten den Dreh in Blöcken abwickeln. Das will erst einmal organisiert sein!

Das weiße Band hat nun die größte Auszeichnung, die man im internationalen Festivalgeschehen erreichen kann, gewonnen. Welches Gefühl schwingt da mit?
Michael Haneke: Was soll man da sagen. Es war natürlich eine riesige Freude. Ich habe danach einen Tag darauf verwendet, sämtliche SMS zu beantworten, ohne alle zu schaffen und drei weitere Tage lang habe ich E-Mails beantwortet.  Man freut sich sehr, das ist keine Frage. Es war eine Zitterpartie, ich hatte ja außer der Goldenen Palme alle Preise, die man in Cannes gewinnen konnte, schon erreicht. Dazu muss man zunächst sagen, es ist ja schon nicht schlecht, dort im Wettbewerb eingeladen zu sein, wenn man bedenkt, dass man in einer Selektion von 20 Filmen aus einer Vorauswahl von rund 1.500 Filmen läuft. Ausgewählt zu sein, ist eigentlich schon recht gut, einen Preis gewinnen ist noch besser. Aber wenn man einen Preis schon einmal gewonnen hat, dann will man natürlich mehr haben.  Das letzte Mal mit Caché haben wir es haarscharf verpasst, obwohl wir bis wenige Stunden vor der Verleihung als Favoriten galten. Dieses Jahr ist es Jacques Audiard so ergangen.  Er war dieses Jahr von der Presse favorisiert und hat sicherlich das empfunden, was ich vor vier Jahren empfand. Es war sehr nervenaufreibend, denn erst im Moment, wo Isabelle Huppert den Grand Prix du Jury für Le Prophète angekündigt hat, wusste ich, dass nur mehr ein Preis übrig blieb. Ganz schön stressig, aber sehr angenehm.

Und es erleichtert gewiss das Weiterarbeiten.
Michael Haneke: Ich darf mich nicht beklagen, denn ich konnte im Großen und Ganzen immer das machen, was ich wollte. Das Buch von Das weiße Band existierte schon länger. Richtig ist, dass man einen Erfolg vorweisen muss, der dann ein teureres oder riskanteres Projekt legitimiert. Ich gehe daher davon aus, dass das nächste Projekt leichter ist, weil der Prominenzgrad mit einem Erfolg wie der Goldenen Palme steigt. In Frankreich, wo ich oft bin, werde ich seit Jahren wahrscheinlich täglich auf der Straße angesprochen. Hier in Wien vielleicht einmal in der Woche und jetzt natürlich fünf Mal am Tag. Das kann ein bisschen peinlich sein, aber es gibt Schlimmeres. Wenn mir mein Fleischhauer jetzt ein besseres Stück Fleisch abschneidet, ist es mir recht und mehr ist auch nicht dahinter. Das Schöne daran ist, dass es eine große Anerkennung bedeutet, aber jetzt gilt es schon wieder zu schauen, was man als nächstes zustande bringt. Was mich weniger begeistert, ist, dass mich die Verleiher jetzt zu den Premieren in der Welt herumschicken wollen. Für mich bedeutet das vergeudete Zeit, auch wenn es in gewisser Weise dazugehört.

Denn es ist bereits ein neuer Stoff am Entstehen?
Michael Haneke: Dazu müsste ich mich in Ruhe zurückziehen können und etwas schreiben, aber mein Schreibtisch ist bereits voller Zettel für ein neues Projekt. Mein Plan sieht so aus, dass ich 2012 eine Oper inszenieren soll und bis dahin einen Film fertig haben möchte. Ich muss ihn aber erst schreiben, da ist noch keine Rede vom Finanzieren, Drehen, Postproduzieren. Wenn sich das ausgehen soll, brauche ich Zeit.

Interview: Karin Schiefer
Juni 2009
© Austrian Film Commission

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