Der Nüchternheit im Dorf, der Kühle in den familiären Beziehungen haben Sie eine Natur gegenüber gestellt, die Harmonie und Fülle repräsentiert.
Michael Haneke: Das ist ja das Traurige oder auch das Schöne, wie auch immer man es betrachten will. Die Natur ist ja immer schön, solange wir sie nicht zerstören und es ist natürlich dramaturgisch effizient, sich diesen Gegensatz zunutze zu machen. Es braucht nicht auch noch alles trist und hässlich zu sein, um zu zeigen, was an Abgründen in uns vorhanden ist. Ich fand es dramaturgisch reizvoller, mit dem Kontrast zu operieren.
Die dunklen Innen- und Familienwelten haben Sie nur mit ganz wenig Licht gedreht. Wie haben Sie mit Ihrem Kameramann Christian Berger am visuellen Konzept gearbeitet.
Michael Haneke: Wir haben manchmal nur mit ein paar Petroleumlampen oder gar nur mit Kerzen gedreht. Das vorhandene Schwarzweiß-Material wäre dafür viel zuwenig lichtempfindlich gewesen. Daher haben wir den Film in Farbe gedreht und dann auf Schwarzweiß ausbelichtet. Wir haben im Vorfeld sehr viele Tests auch mit Schwarzweiß-Materialien gemacht, um die Möglichkeiten auszuloten, wir haben ja leider alle nicht so viel Erfahrung mit Schwarzweiß, weil Schwarzweißfilme heutzutage als unverkäuflich gelten. Ich liebe Schwarzweiß und habe auch schon zweimal, allerdings noch zu paradiesischen Fernsehzeiten, einen TV-Schwarzweißfilm gemacht - Fraulein und Die Rebellion. Wenn es nach mir ginge, würde ich nur in Schwarzweiß drehen, aber das kommt natürlich aufs Thema an. Diesmal hat es sich angeboten und ich habe es zur Grundbedingung für diesen Film gemacht, was mich auch lange Überzeugungsarbeit mit den Produzenten gekostet hat. Schwarzweiß hatte abgesehen vom ästhetischen Konzept einen zweiten großen Vorteil für die Ausstattung, die zu einem großen Teil gebaut ist, auch wenn es sehr echt aussieht. Wenn man sich die Fotodokumentation von Christoph Kanter über das Vorher und Nachher ansieht, da kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Was er da gebaut und adaptiert hat, damit es zum tatsächlich Vorhandenen dazupasst, das wäre in Farbe so nicht möglich gewesen. Schwarzweiß hat sehr geholfen, die Nuancen zu unterdrücken, die oft verraten, dass es sich um künstliches Dekor handelt. Es freut mich sehr, dass die Rückmeldungen zur optischen Seite des Films so positiv ausfallen, denn es war eine unserer Ambitionen, dass der Film wie eine Dokumentation aus der Zeit aussehen soll, dass Dekors und Kostüme so aussehen, wie auf alten Fotos. Wir haben ja auch die Gesichter unter dem Aspekt ausgewählt, dass es Gesichter sind, die etwas ?Altmodisches? an sich haben, es sind unheimlich schöne Gesichter.
Haben Sie schon jemals mit so wenig Licht gearbeitet?
Michael Haneke: Doch. Ich hab schon einen Film gemacht, der noch dunkler war - Wolfzeit. Da gab es gar nichts außer mal ein Feuer, oder vielleicht ein paar Fackeln. Damals habe ich mit Jürgen Jürges gearbeitet. Ich bin es gewohnt, mich mit Kameraleuten zu streiten, die immer mehr Licht verlangen und natürlich zittern, dass man nichts mehr sieht. Wir hatten in Tests vorher viel ausprobiert und vieles, was jetzt so makellos aussieht, hätte sich vor zehn, fünfzehn Jahren ohne digitale Korrektur noch nicht machen lassen. Wir haben ja endlos in der Postproduktion herumgefeilt und es gibt im Film mehr als 60 Digitaltricks. Im Gutshof z.B. waren die Dächer der Wirtschaftsgebäude in Wirklichkeit aus Well-Eternit, da musste man Bild für Bild gegen Ziegeldächer austauschen. Wir hätten diese Dächer auch nicht bauen können, weil es Unsummen verschlungen hätte. Es steckt bei diesem Film wirklich sehr, sehr viel Detailarbeit dahinter.
Wie haben Sie sich grundsätzlich über diese historische Epoche dokumentiert?
Michael Haneke: Wir haben ganze Festplatten voller Fotos aus der Zeit studiert. Der Look des Films wurde bereits mehrfach mit den Fotos von August Sander verglichen, die tatsächlich gerade was Kostüm und Frisuren anlangt, die Referenz für uns gewesen waren, weil er genau und in hervorragender Qualität diese Zeit dokumentiert hat. Wir haben sicherlich tausende Fotos gewälzt.
Es gibt einige besonders berührende Szenen mit den Kindern. Ist Ihnen das Schreiben der Kinder-Dialogszenen eine besondere Herausforderung?
Michael Haneke: Nein, ich finde nicht, dass es schwieriger als etwas anderes ist. Ich finde, es ist dankbarer. Kinder sind immer entwaffnend, weil sie etwas Direktes haben. Die Szene mit dem Kleinen über den Tod, das ist einfach eine schöne Szene. Es war meine große Angst bei diesem Projekt, dass wir jede Menge Zeit und Geld in die Vorarbeiten stecken, wo ich mir schon sicher war, dass wir es technisch hinbringen würden und dass ich am Ende kurz vor Drehbeginn dastehe, ohne die richtigen Schauspieler für die Kinderrollen gefunden zu haben. Daher haben wir auch sehr früh begonnen, auf sehr breiter Basis zu suchen. Ich wollte nicht aus Zeitnot gezwungen sein, irgendjemanden zu engagieren. Dazu war das Projekt zu aufwendig und anspruchsvoll. Und dann fanden wir wirklich die Kinder, besonders die kleinen, die imstande waren, diese Rollen zu spielen. Es war eine Glückssache, wir haben aber dem Glück auch eine Chance gegeben, immerhin haben wir an die 7.000 Kinder für den Film gecastet. Mit den kleineren Kindern hat man einfach das Problem, dass sie sich nicht lange konzentrieren können. Mehrmaliges Wiederholen, das heißt Arbeit und langweilt sie natürlich schnell und dann ist nichts mehr zu machen. Das verkompliziert die Sache manchmal und kostet Zeit. Ich hatte allerdings als wunderbaren Mitarbeiter Markus Schleinzer und seine Mitarbeiterin Carmen Loley, die sich mit unglaublichem Engagement auf die Kinder eingelassen haben. Diese sind also schon sehr gut vorbereitet zum Set gekommen, ohne die engagierte Hilfe der Beiden wäre der Film nicht so geworden, wie er ist. Bei den Erwachsenen weiß man, dass man irgendwann zu einem gewünschten Ergebnis kommt, Kinder hingegen sind ein Lotteriespiel.