Wie verlief das Gespräch mit Hans Landauer?
Günter Schwaiger: Hans Landauer kenne ich schon länger und bewundere ihn sehr. Er lebt ihn Wien, hat im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und ist über Lager in Frankreich nach Dachau gekommen. Ich habe ihm oft vom Film erzählt mit der geheimen Hoffnung, dass er sich dafür interessieren könnte. Ich wollte ihn nie dazu überreden. Ich habe viel über Dachau gefragt, weil es eines der wenigen KZs war, wo ich nachweisen konnte, dass Hafner dort gewesen war. Schließlich hat mir Hans Landauer vorgeschlagen, sich mit ihm zusammenzusetzen. Es kam aus freien Stücken, das war mir wichtig, so wie es mir wichtig ist, dass die Dinge aus der Dynamik des Films selbst entstehen. Ich leite und denke voraus, aber die Dynamik und der Wunsch, es voranzutreiben, soll aus den Menschen kommen. Dass Landauer sich bereit erklärt, sich einem ehemaligen SS-Offizier gegenüberzusetzen, der in Dachau war und sich dann auch so positioniert, ist ein starkes Stück. Für mich war es eine einzigartige Gelegenheit, diese beiden Menschen, die beide grundlegend verschiedene Auffassungen und Perspektiven repräsentieren, miteinander zu konfrontieren.
Wie hat Herr Landauer es erlebt?
Günter Schwaiger: Beide waren sehr nervös vorher. Landauer hat sich aber im Gespräch als großartiger Mensch gezeigt. Diese Ruhe und Gelassenheit und die Sicherheit seiner moralischen, inneren Überzeugung waren bewundernswert. Es war dennoch für ihn sehr hart und er war nach dem Gespräch sehr angegriffen und richtig froh, dass er draußen war. Er hat uns dann erzählt, dass es für ihn ein sehr intensives, aber auch gutes Erlebnis war. Auf eine gewisse Art und Weise repräsentiert Landauer in dem Gespräch die Position des historischen Zeugen, der sich der Manipulation entgegenstellt. Hafner reagiert manchmal ein bisschen hilflos, in Wirklichkeit weiß er genau, was er will und das ist der springende Punkt. Wenn er Landauer z.B. vorwirft überlebt zu haben, entspricht das einer Strategie der Holocaust-Leugner, die die Berichte der Opfer gerade deshalb in Frage zu stellen, weil sie überlebt haben. Hier kommen wir natürlich auch zu einem wichtigen Aspekt des Filmes. Was ist Wahrheit? Wer manipuliert sie? Welche Wechselwirkung besteht zwischen Wahrheit und Macht. Am Ende drücken jedoch das Schweigen von Hafner und seine geschlossenen Augen mehr aus, als jedes Geständnis. Es war der Punkt erreicht, wo Ruhe eingekehrt war und beide wussten, das ist jetzt die Wahrheit und da gibt es nichts mehr zu sagen. Das war, glaube ich, eine innere Befriedigung für Hans Landauer, auch wenn er wusste, dass Hafner nur verletzt war, nicht bekehrt. Ich glaube, es war ein großer Moment für Landauer und ein ganz entscheidender für den Film.
Über das rein dokumentarische in Gesprächen und den Alltagsbildern hinaus, gibt es auch etwas wie Traumsequenzenen, sozusagen fiktive Elemente. Warum haben Sie diese Elemente in den Film aufgenommen?
Günter Schwaiger: Das ist eine gute Frage. Erstens entstand intuitiv das Bedürfnis, weil Hafner immer wieder von seiner Schlaflosigkeit erzählt hat, da er mit sich selbst und seiner Vergangenheit und seinem Denken beschäftigt ist. Er hat oft vom Traum erzählt, der kein Traum ist, in dem seine Gedanken, seine Bücher, seine Ideen immer wieder kehren. Es gibt Momente, wo er zwischen der Realität, die er sich selber konstruiert, und der Wirklichkeit herumschwimmt. Das wollte ich irgendwie auf poetische Weise zum Ausdruck bringen. Diese Sequenzen drücken auch sein Sisyphus-Dasein aus, dieses Ankämpfen gegen die Realität, ohne wirklich vorwärts zu kommen, ständig wiederholt sich etwas, das ihn beschäftigt. Ich habe ewig mit ihm gedreht und immer wieder kam dasselbe und dasselbe, nur irgendwo dazwischen tauchte etwas Neues auf. Das Obsessive ist sehr stark in ihm und darauf spielen auch meine Traumsequenzen, genau gesagt diese Wachträume, an. Es ist der Versuch, nur über das Emotionale und Intuitive etwas mitzuteilen. Wenn er immer wieder zum Turm geht und doch keinen Schritt vorwärts kommt, sehe ich einen negativen Don Quijote, der gegen die Windmühlen der Wahrheit kämpft und dabei doch keinen Schritt weiterkommt, das aber weiß und spürt. Was Hafner aufrecht erhält ist ja gerade dieser fast religiöse Fanatismus und groteske Wille. Es ist immer wieder der Wille, der überbleibt. Auch in der Sequenz am Ende, wenn er sagt, dass es für ihn kein Aufgeben und keinen Verrat gibt. Das ist wieder dieser ganz enge, kleine Horizont, diese starre Überzeugung, diese verbissene Welteinstellung, in der der politische Fanatiker dem religiösen Fanatiker gleicht.