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Günter Schwaiger: Hafners Paradies - Interview

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Was war Ihrer Meinung nach die Triebfeder, die ihn motiviert hat?
Günter Schwaiger: Ich glaube, seine Hauptmotivation war seine Einsamkeit und die Notwendigkeit, sich selbst nach außen aus dieser Einsamkeit heraus wieder zusammenzustellen. Er die Hoffnung gehabt, dass ich ihm dabei helfe, dass er sich nach außen projizieren kann, nämlich eine Figur die seinem Idealbild von sich selbst entspricht. Er war aber doch schlau genug, im Laufe des Films zu merken, dass dem nicht so ist und dass es zwischen uns nur funktioniert, wenn wir beide unsere Absichten verfolgen können und jeder dabei etwas hergibt. Das Idealbild seiner selbst zu bauen war für ihn ebenso unmöglich, wie für mich, die Idealfigur vom zerbrochenen Nazi zusammenzubasteln, was fürs Publikum sehr angenehm gewesen wäre. Das entspricht einfach nicht der Realität. Die Realität ist, dass gerade der Aspekt, der ihn zum Nazi macht, ihm auch diesen unbändigen Willen verleiht, gegen jede Vernunft und alle Evidenz durchhalten zu müssen. Das Interessante an Hafner ist ja nicht, dass der Film eine historische Neuigkeit bringt oder einen Nazi zum Geständnis führt, sondern es ist seine Art, mit sich und seiner Realität umzugehen und der Prozess, der dabei zwischen uns beiden entsteht. Es ist das Verhalten von bestimmten Menschen in bestimmten Situationen, was mich interessiert. Aus dem Verhalten Hafners mir gegenüber kann man sehr viel herauslesen. Es geht nicht darum zu zeigen, dass man einen Nazi belehren kann oder dass ein Nazi bereut, sondern darum, wie sich so ein Mensch verhält, woher er kommt, seine Widersprüche, und vor allem wie, aus moralischer Perspektive, Anziehendes und Abstoßendes nebeneinander existieren und ineinander greifen können. Das war für mich die große Erfahrung.

Dieser vor Willenskraft und Gesundheit strotzende 80-Jährige beginnt plötzlich an heftigen Schmerzen zu leiden...
Günter Schwaiger: Ich habe über ein Jahr mit ihm gedreht. Der Film ist ganz chronologisch aufgebaut, so wie er geschnitten ist, so ist auch gefilmt worden, das war mir sehr wichtig. Herr Hafner hatte noch nie zu etwas Nein gesagt, er war immer zu allem bereit gewesen, wenn auch oft nur, um mir zu beweisen, dass er in seiner Vorstellung vom Herrenmenschen vor nichts Angst hat. Nur ein einziges Mal hat er Nein gesagt, wir hatten am Samstag den Film über den Holocaust gesehen, fünf Tage später rief er mich an, um mir für den Dreh abzusagen. Er hatte fürchterliche Schmerzen, konnte nicht reden und legte auf. Es dauerte drei Wochen, bis wir unsere Arbeit wieder aufnehmen konnten, denn er wollte weiter machen. Es ist bei ihm eine Nervenkrankheit aufgetreten, die einen Nerv befällt, der vom Gehirn in den Gaumen reicht. Den Grund konnten sich die Ärzte nicht erklären. Vielleicht ist jener Schmerz aufgetreten, den er immer verdrängt hat. Ein großer Schock war ja Marbella für ihn gewesen. Der Umstand, dass ihn seine Freunde im Stich gelassen hatten und v.a. ihre Art es zu tun. Das ist übrigens ein weiterer Aspekt, den ich in meinen Recherchen über Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg herausgefunden habe ? der Geist von Einheit, Treue, Kameradschaft und gemeinsamem Kampf war immer nur dann existent, wenn er sich gegen Schwache richten konnte. Nach der Flucht, die ja für die meisten ein Armutszeugnis bedeutete, hieß es plötzlich „Rette sich, wer kann“, die ehemaligen Kameraden verhielten sich meist feig und verrieten sich oft gegenseitig. In diesem Zusammenhang ist die Reaktion seiner Freunde verständlich, denn sie hatten Angst, vor die Kamera zu treten und aufgespürt zu werden. Ihr Verhalten ist symptomatisch für gewisse Geisteshaltungen, deren Ehrenkodex eigentlich nur als Machtinstrument verwendet wird, der aber inhaltlich völlig leer ist. Hinter scheinbarem Idealismus versteckt sich simpler Opportunismus und transformierter Egoismus. Eine Figur wie Hafner, der immer noch versucht, Ideen aufrechtzuerhalten, ist da die Ausnahme. Die meisten haben nach dem Krieg pragmatisch und opportunistisch gehandelt.

Sehr spannende Momente entstehen in den Gesprächen mit Hans Landauer und Cristina de Rueda, der Tochter eines Franco-Generals...
Günter Schwaiger: Das war für uns auch eine große Überraschung. Er hatte uns eine hochintelligente, traditionsbewusste spanische Power-Frau aus seinem Milieu angekündigt. Sie wollte uns zunächst nicht treffen, wir mussten mehrmals anrufen, sie ließ uns dann eine Weile vor der Türe warten. Als sie aber merkte, dass es mir im Film darum ging, wie sie zu ihm als Menschen steht, da hat sie sich für sich selber und gegen Hafner entschieden. Die Freundschaft zwischen ihnen war natürlich aus diesem Milieu heraus entstanden, das sie als Generalstochter in Spanien frequentiert. Sie erzählt, dass er sie schon vor 15 Jahren zu Nazi-Veranstaltungen mitgenommen hat, sie weiß genau, wer er ist und ist damit immer klar gekommen. Bis zu diesem Tag. Es die erste Auseinandersetzung zwischen den beiden und sie hat sich von selber ergeben hat. Für Hafner ist sie völlig überraschend gekommen ist. Dass sie jüdische Wurzeln hat, hatte sie ihm nie gesagt. Er war dann auch völlig außer sich und ist dann weggegangen und war innerlich total verstört. Für mich war es eine wichtige Erfahrung mitzuverfolgen, wie sich ein Mensch, der sich unter moralischem Druck fühlt (in diesem Fall ein selbstauferlegter), innerhalb kürzester Zeit die Beziehung zu anderen völlig verändern kann. Als sie gemerkt hat, wo wir standen, schlug sie sich auf unsere Seite. In diesem Moment war es ihr plötzlich wichtig, nach außen darzustellen, wie sie denkt. Das war ihr wichtiger als die Freundschaft zu ihm.

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