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Barbara Eder: Inside America - Interview

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Es gibt sehr absurde Strukturen an der Hanna Highschool, wo sich alles um die Frage der Zukunftsperspektiven konzentriert: die Leute sitzen noch in der geschützten Schule, täglich wird die Flagge gehisst und man hört, Amerika ist toll, doch jeder weiß in Wirklichkeit genau, was nachher zu erwarten ist. Es brodelt dort. Es ist ein Übergang.

Ein Gespräch mit Barbara Eder über ihren ersten Langfilm Inside America


Bei Inside America tritt die interessante Konstellation zutage, dass eine österreichische Filmemacherin an der Wiener Filmakademie einen Film realisiert und in den USA dreht, der auf eindrucksvolle Weise seinem Titel gerecht wird und in der Tat einen Blick vermittelt, dass hier die Regisseurin ihr Thema von innen kennt. Gibt es eine Vorgeschichte zu dieser Filmidee?
Barbara Eder:  Ich habe mit 17 Jahren ein Austauschjahr an der Hanna Highschool in Brownsville/Texas verbracht und ich musste dort nicht nur zur Schule gehen, sondern wie es der Zufall wollte, musste ich kurze Zeit in einem Foster-Home leben und zwei Wochen in einer mexikanischen Familie. Es war nicht nur die Schule, wo ich mir dachte, da geht?s aber zu, sondern ich habe dort mit den Leuten gelebt und da sehr starke Eindrücke gewonnen.

Wie haben Sie diesen Schulalltag erlebt? War es ein Gefühl, in einer anderen Welt zu landen?
Barbara Eder: Ich wollte zunächst gar nicht dorthin. Ich war schon im Flugzeug und Richtung Louisiana unterwegs, als ich erfuhr, dass mich meine Gastfamilie nicht aufnehmen konnte, aber man hätte etwas anderes für mich, in Brownsville/Texas. Ich schaute dann mal auf einer Karte, wo das überhaupt war - genau dort, wo ich überhaupt nicht hin wollte. Der erste Tag in der Schule war überwältigend: tausende Schüler, Gangs, die sich am Rand aufhielten, ihre Gangzeichen machten und böse schauten. Anfangs fand ich's lustig. Man muss auf den Gängen ständig in Bewegung sein, es ist ein einziges Fließen einer Menschenmasse und ich trug an diesem ersten Tag ein T-Shirt, auf dem stand "Oh shit".  Manche Leute deuteten etwas, was ich nicht verstand, bis ein Security-Guard auf mich zukam und sagte, ich müsse mir ein Tape drüber kleben, sonst würde ich suspendiert. So verstand ich recht rasch, dass es da ein bisschen anders lief als bei uns, es war eine neue Welt - in gewissen Dingen sehr restriktiv, in anderen wieder zu offen. Ich hatte am Anfang ziemlich Probleme, weil ich aufgemuckt und Fragen gestellt habe. Es gab Unterrichtsstunden, von denen man nicht glaubt, dass es wahr ist. Nach einem halben Jahr versteht man dann, wie das alles funktioniert und, warum die Kids dort so denken wie sie denken, warum die Menschen so reagieren und dass Gewalt Alltag ist.

Können Sie kurz Brownsville und die Schule beschreiben?
Barbara Eder: Hanna Highschool ist die größte Schule in Brownsville an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Es gibt dort eine Mischung aus reichen Weißen, die mexikanische Wurzeln haben, Mexikanern und illegalen Einwanderern. Es gibt Leute, die aus Matamoros in Mexiko über die Grenze kommen, da zur Schule gehen, aber später nicht arbeiten dürfen. Der Highschool-Abschluss ist keine Garantie dafür, dass man nachher legal arbeiten kann. Für viele sieht die Perspektive nach der Schule so aus, dass sie dann putzen gehen oder man findet sich einen reichen Amerikaner, den man heiraten kann, das Militär wäre eine weitere Option oder ein Schönheitswettbewerb.  Wenn man den gewinnt, bekommt man ein College-Degree. Es gibt sehr absurde Strukturen an der Hanna Highschool, wo sich alles um die Frage der Zukunftsperspektiven konzentriert: die Leute sitzen noch in der geschützten Schule, täglich wird die Flagge gehisst und man hört, Amerika ist toll, doch jeder weiß in Wirklichkeit genau, was nachher zu erwarten ist. Es brodelt dort. Es ist ein Übergang.

Es sind wahrscheinlich einige Jahre vergangen zwischen Ihrem Aufenthalt dort und der Rückkehr mit dem Filmprojekt. Haben Sie sich auch überlegt, eventuell einen Dokumentarfilm zu drehen?
Barbara Eder:  Ja, das war meine ursprüngliche Überlegung. Ich war ziemlich offen, wusste aber, wonach ich suchte. Gewisse Dinge wollte ich unbedingt zeigen, nicht nur in einen Spielfilm verpacken. Ich wollte sehr nah am Geschehen sein. Ich habe eine Vorliebe für bestimmte Dramaturgien, es gefällt mir, in Dokumentarfilme gewisse Handlungsstränge einzubauen. Wie sehr es dann in einen Spielfilm abgleitet, ist immer die Frage. Es gibt Dokumentarfilme, die mehr am Dokumentarischen bleiben und einen roten Faden haben und andere driften etwas mehr ab. Inside America ist im Laufe der Zeit dann eine Geschichte geworden, um Dinge deutlicher zu machen, die man im Dokumentarfilm mit Voice-Over erzählen, aber nicht darstellten könnte. Deshalb traf ich die Entscheidung, etwas Handlung einfließen zu lassen, um es in einer Art Spielfilm-Epos enden zu lassen.

Ihr Zugang zu Drehbuch und Casting war ja sehr unkonventionell. Wie sind Sie zu einer Grundstruktur und in der Folge auch zu Ihren Protagonisten gelangt?
Barbara Eder: Ich hatte zunächst mal nur eine Förderung für die Recherche beantragt. Ich musste mit den jungen Leuten Zeit verbringen. Ich wusste, wonach ich suche: den Militärjungen, den schüchternen Außenseiter ? die Typen, die es dort auch gibt. Ich hab dann an der Schule ein Casting gemacht ? eher in Form eines Gesprächs, und dann auch versucht, sie auch einmal zu Hause zu treffen. Bei den Gangs war es schwierig, weil sie oft die Verabredungen nicht eingehalten haben. Ich wurde dann oft paranoid und fragte mich, ob ich beobachtet werde. Zum Glück habe ich einen Rap-Musiker gefunden, für den der Film eine Gelegenheit war, sich zu präsentieren, er hat mich dann auch in die Gangs eingeführt.

Betrachtet man die Sicherheitsmaßnahmen, die in der Schule an den Tag gelegt werden, dann kann es nicht so einfach gewesen sein, eine Dreherlaubnis zu bekommen.
Barbara Eder: Ich hab schon Jahre zuvor versucht zu drehen und hatte es aber ungeschickt angestellt, indem ich direkt die Direktorin gefragt habe und sofort ein klares Nein bekam. Ich hab es dann über einen Journalismus-Lehrer von früher versucht und so hab ich mal ein erstes OK bekommen. Dann muss man noch vor ein Schulkomitee, wo ich erklärt habe, dass ich die Schule keinesfalls in ein schlechtes Licht rücken würde, dass der Film für mich einen starken emotionalen Hintergrund hätte und ich gewisse Dinge zeigen wollte, weil sie in unserem Land undenkbar wären, die man aber nur verstehen würde, wenn ich sie so zeigen konnte, wie ich mir das vorstellte. So bekam ich dann auch grünes Licht. Während der Dreharbeiten gab es dennoch Schwierigkeiten, weil die aktuelle Direktorin das Filmen nicht zulassen wollte, ich aber dann schon eine Bestätigung hatte.
Bei den Dreharbeiten selbst kam es dann vor, dass wir abgehört wurden oder es mir als Verstoß gegen die Schulregeln ausgelegt wurde, wenn ich mir kurz bei einem Haustechniker eine Leiter ausborgte. Die Schulleitung hat nach einem Grund gesucht, uns rauszukriegen, sie haben irgendwie Angst gekriegt. Tatsache ist, dass die Polizei präsent ist ? dass es Taschenkontrollen und Spindkontrollen gibt, auch mit Hunden nach Drogen gesucht wird.   Sie wollten einfach nicht, dass das auch so gezeigt wird.

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